DIE PERFEKTE WELLE

Surfen auf Sylt und Mallorca

von KATRIN LAMPRECHT

Mit fast 100 Küstenkilometern bietet Sylt mehr als nur Promi-Lifestyle und Gourmetrestaurants. Dank sensationeller Wellen und gigantischer Sandstrände ist die größte und nördlichste der nordfriesischen Inseln das Surf-Mekka Nummer eins in Deutschland. Während auf der Westseite die Wellen toben, ist das Wattenmeer an der Ostküste der ideale Anfängerspot für jegliche Arten von Wassersport.

Die Westküste Sylts bietet einen ca. 40 Kilometer langen und durchgehenden Sandstrand. An den Enden ist es wegen starker Gezeitenströmungen lebensgefährlich, zu surfen. In der Mitte bei Westerland liegt der Brandenburger Strand, der westlichste Punkt der Insel. Nach Norden und Süden fallen die Enden gen Osten zurück. Das ist interessant, weil dadurch je nach Wetterlage die Nord- oder Südseite die besseren Surfbedingungen bietet. Wird es vor den Ortschaften zu voll, gibt es dazwischen genügend Platz, um auch mal alleine auf einer Sandbank zu sitzen.

Die Surfsaison auf Sylt beginnt und endet bei ca. 10 Grad Wassertemperatur, also Anfang Mai bis Ende Oktober. Im Winter gibt es leider fast täglich Druckwellen. Bei 5 Grad Wassertemperatur und weniger sind diese Bedingungen nur noch etwas für die ganz Hartgesottenen. Im Sommer steigt die Temperatur gemeinsam mit dem Partyfaktor und die Wellenkonstanz nimmt ab.

VERANSTALTUNGEN RUND UM DEN WASSERSPORT AUF SYLT
Den Auftakt der Surfsaison macht in jedem Jahr das Multivan Summer Opening. Von Himmelfahrt bis Pfingsten dreht sich im Rahmen dieses Surf-Events in Westerland alles um den Wassersport und das Feiern. Die einzigartige Wassersportveranstaltung findet am Brandenburger Strand statt und bietet eine einmalige Kombination aus Kitesurfen und Windsurfen. Das große Rahmen- und Partyprogramm verspricht neben den sportlichen Highlights eine vielseitige Unterhaltung für die ganze Familie. Darüber hinaus finden den ganzen Sommer über monatlich nationale und internationale Surf Cups und Veranstaltungen rund um den Wassersport statt. Vom 24. bis 29. Juli kämpfen am Brandenburger Strand internationale und nationale Windsurf-Stars um den Titel „Internationaler Deutscher Meister“. Ob Windsurfen, Kitesurfen, Catamaransegeln oder Stand Up Paddling – Sylt garantiert als Austragungsort erstklassige Wettkampfbedingungen für Profis und Hobbysportler und schafft neben den sportlichen Wettkämpfen einen optimalen Rahmen für eine abwechslungsreiche und einzigartige Veranstaltung.
Foto © Holm Löffler | Sylt Marketing

Foto © Holm Löffler | Sylt Marketing

Wer noch nicht über die nötige Wettkampfform verfügt und auf der Insel – mit oder ohne Segel, auf kleinen Boards oder großen Brettern – lernen möchte, die Nordseewellen zu reiten, findet zwischen List und Hörnum 13 inseleigene Wassersportschulen sowie fünf gut ausgestattete Surfshops, die Wassersportbegeistern alles bieten, was das Herz begehrt.

WIEGE DES DEUTSCHEN SURFSPORTS
Sylt ist der Geburtsort der deutschen Surfkultur: Anfang der 1950er Jahre machten die Rettungsschwimmer hier auf ihren Rettungsbrettern erste Stehversuche. Diese haben dann nach und nach von Reisen aus Frankreich und aller Welt die ersten Bretter mit nach Sylt gebracht. Das Surfvirus war hochansteckend und ist bis heute infektiös geblieben – so verwundert es nicht, dass so einige Weltklassesurfer auf Sylt ihre Heimat haben.
Dabei ist neben perfekter Körperbeherrschung und gutem Gespür auch Geduld gefragt: Mit dem Blick Richtung Horizont lauern neoprengewandete Wellenreiter auf perfekte Wellen. Und die kommen hier immer wieder. Die milden Wassertemperaturen und guten Groundswells aus dem Norden erreichen hier die lange Küste. Gerade nach ein paar Tagen gutem Wind aus Nordwesten und Westen können die zahlreichen Sandbänke gute Beachbreak-Wellen produzieren. Nicht zuletzt deshalb bezeichnen viele surfbegeisterte Insulaner Sylt auch liebevoll als „Deutsches Kalifornien“ oder sprechen von der „Norddeutschen Karibik“. Und wenn Sie auf Sylt erste Stehversuche auf den Boards machen wollen: Hier haben Sie die besten Lehrer, großartige Bedingungen und eine Wellenreit-Szene mit ganz besonderem Flair. Nicht umsonst hält sich die Behauptung: Wer auf Sylt surfen gelernt hat, der kann es überall.
Die bekanntesten Surfspots auf Sylt sind die Buhne 16 und die Sturmhaube in Kampen, die Kartoffelkiste und Seestraße in Wenningstedt an der Surfschule, der Brandenburger Strand, die Badezeit und die Osteria in Westerland, K4 in Hörnum sowie die Oase zur Sonne und das Samoa in Rantum.

SYLTER WINDSURF-PIONIER
Auch die Windsurf-Szene in Deutschland hat ihren Ursprung auf Sylt: Sturm peitschte in Windstärke sieben über das Meer, es regnete und es war kalt, als der Sylter Werbekaufmann Calle Schmidt zum ersten Mal einen neuen Sport erprobte. In der Seglerzeitschrift „Yacht“ hatte er kurz zuvor vom „Brettersegeln“ in den USA gelesen und sofort die nötige Ausrüstung geordert. Anfang April 1972 landeten auf dem Hamburger Airport Fuhlsbüttel zwei weiße Windsurfer. „So um die 350 Dollar musste ich hinlegen“, erinnert sich der gebürtige Rantumer. Seine ersten Versuche vor Sylt wurden zum Debakel: „Ich fuhr keinen einzigen Meter, die Beine voller Schrammen, ich bekam einen fürchterlichen Muskelkater! Ich war so frustriert, dass ich nachts in Amerika anrief und dem Amerikaner sagte: Das ist eine Fehlkonstruktion! Ich schick dir das wieder zurück!“
Hersteller Hoyle Schweitzer schickte Hilfe: Kurze Zeit später flog seine 17-jährige Nachbarstochter Lisa Parducci aus den USA ein, übte mit Calle Schmidt das Surfen und ging anschließend mit ihm auf Promotour durch Deutschland.

Calle Schmidt, Windsurfpionier auf Sylt, in den 70ern (Foto © privat)

Calle Schmidt, Windsurfpionier auf Sylt, in den 70ern (Foto © privat)

DER MANN, DER ÜBERS WASSER GING
So enterte er auch den Steg des „Norddeutschen Regatta-Vereins“ in Hamburg und surfte los. Nicht zufällig, sondern bestellt, stand ein Pressefotograf am Ufer und lichtete Calles Erstbesurfung der Alster ab. Die Bilder gingen anschließend über eine Agentur an sämtliche Tageszeitungen in Deutschland. Calle, ganz Werbefachmann, betrieb aktive Verkaufsförderung, und verkaufte vom Auto aus sein viertes Brett. Am Montag darauf erschien in Deutschlands Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“ der nächste Artikel über den Mann, der übers Wasser ging. „Das war wie ein päpstlicher Segen“, erinnert sich der Sylter. Am Meer und auf Baggerseen begeisterten sich immer mehr Menschen für die Surfvorführungen von Lisa und Calle. Und sie bestellten bei Calle Schmidt Surfbretter, die er bald in großen Mengen aus Amerika orderte und damit das Windsurfen in Deutschland begründete. Wenig später veranstaltete er auf Sylt die ersten großen Wettkämpfe und gründete in der Munkmarsch die erste Surfschule, die für lange Zeit die größte in Europa blieb. In der windgeschützten Übungsbucht von „Syltsurfing“ lernen Wassersportbegeisterte bis heute unter Anleitung des Vize-Weltmeisters im Tandemsurfen von 1974 das Windsurfen, Segeln und Catsegeln. „Es ist die Geschwindigkeit und die Möglichkeit, das Segel direkt mit den Händen und das Brett unmittelbar mit den Füßen steuern zu können, was die Faszination des Surfens ausmacht“, schwärmt Calle Schmidt. Und auf Sylt lässt sich dieser Sport scheinbar besonders gut ausüben: „Die unterschiedlichen, oft erstklassigen Bedingungen an den verschiedenen Orten und die wechselhaften Winde machen die Insel zu einem attraktiven Ziel für Surfer und andere Wassersportler“, weiß der Sylter Windsurf-Pionier.

 

WINDSURFEN AUF MALLORCA

Die Baleareninsel Mallorca ist zwar nicht gerade als Surf-Mekka bekannt, bietet aber mit ihrer 550 Kilometer langen Küste dennoch eine Reihe von attraktiven Surfspots.

In den Ferienorten an der mallorquinischen Küste reihen sich zahlreiche Windsurfspots aneinander. Für Einsteiger hervorragend geeignet sind die geschützten Buchten an der Südostküste bei Cala d’Or und Portocolom. Weiter südlich bietet der kilometerlange Sandstrand Es Trenc dank erstklassiger Thermik gute Voraussetzungen zum Windsurfen. Das Gleiche gilt für die Bucht von Alcúdia im Norden der Baleareninsel. Die stärkste Thermik besitzt die Bucht von Palma an der Südwestküste. Ein Surfhotspot befindet sich bei Can Pastilla. Die Bonaona Surfschool & Bar und das El Niño Surf Center sind die Anlaufstellen für Windsurfer ohne eigenes Material. Vor Ort können sie stundenweise Board, Segel und Neoprenanzug ausleihen. Zusätzlich bieten beide Einrichtungen Surfkurse für Neueinsteiger und Fortgeschrittene an.

UNTERSCHÄTZTE SURF-DESTINATION?
Das klassische Wellenreiten spielt auf Mallorca nur eine untergeordnete Rolle – zu Unrecht, glaubt die Mallorquinerin Patricia Peñas de Haro, die Geografie an der balearischen Tourismusschule unterrichtet und ihre Doktorarbeit in Physischer Geografie und Klimatologie an der Balearenuniversität zum Thema „Geografie des Surf- und Bodyboards auf Mallorca: Klima und Aktivtourismus” verfasst hat. Die Insel werde als Surf-Destination unterschätzt, ist Peñas de Haro überzeugt und hat dies sogar wissenschaftlich belegt. Sie selbst reitet seit ihrem 14. Lebensjahr auf den Wellen. „Mallorca ist kein typisches Surf-Reiseziel. Die Insel kann auch nicht konkurrieren mit Spots im Baskenland, in Frankreich, Portugal oder auf den Kanaren. Aber ich glaube, wir haben hier ziemlich viele Tage mit Wellen. Nach meinen Berechnungen sind 175 Tage zum Wellenreiten geeignet“, sagt Peñas de Haro in einem Interview mit dem Mallorca-Magazin.

WELLENREIT-TIPPS VON EINER EINHEIMISCHEN
Die beste Zeit zum Wellenreiten auf Mallorca sei von Oktober bis Mai, weiß die Geografin. Im Sommer stehe die Insel unter dem Einfluss des Azorenhochs und es gebe so gut wie keine Wellen. Ab Oktober ziehen die Tiefdruckgebiete der polaren Kaltfront vom Atlantik Richtung Mittelmeer und treffen auf die warme Luft des Mittelmeeres. Im November, Dezember, Februar und März gibt es dann starke Winde und Wellen. Im „ruhigen Januar” wiederum gibt es weniger Wind. Die Temperaturen seien das ganze Jahr über ziemlich mild. Auch in der kalten Jahreszeit werde das Meer nicht kälter als 13 Grad. Außerdem habe Mallorca keine Gezeiten, man könne also bei guten Bedingungen den ganzen Tag surfen. Und Haie gebe es vor der Baleareninsel auch nicht. Wer nicht viel Erfahrung hat, könne in Colònia Sant Pere seine ersten Schritte wagen. Dort gibt es wenig Felsen, das Wasser ist tief und die flachen Wellen sind optimal für Anfänger, empfiehlt die Mallorquinerin. Im Nordosten sind vor allem Cala Mesquida und Son Serra de Marina hervorzuheben. Das ist einer der Lieblingsspots der Wellenreiter. „Bei Palma haben wir Can Pastilla für Paddle Surf, Kite- und Windsurfen, Ciudad Jardín für Wellenreiter. Die Bodyboarder sind alle in der Cala Major, dort gibt es eine konstante Welle“, so die einheimische Wellenreiterin.

KITESURFEN AUF MALLORCA
Der einzige offizielle Kitesurf-Spot auf Mallorca ist die Bucht von Pollença im Norden der Insel. Hier tummeln sich ganzjährig die Surfer mit ihren bunten Lenkdrachen auf dem Wasser. In der Bucht entfaltet der Mistral seine größte Wirkung. Darüber hinaus sorgen die hohen Berge der Serra de Tramuntana, von denen die Bucht eingerahmt ist, für das Entstehen thermischer Winde. In Port d’Pollença befinden sich die Niederlassungen von Surfschulen, in denen das benötigte Equipment zum Kitesurfen geliehen werden kann. Inoffizielle Kitesurfspots an der mallorquinischen Küste finden Kitesurfer in der Bucht von Alcúdia und in der Bucht von Palma im Südwesten der Insel.