"Es gibt nur wenige Stellen an der deutschen Nordsee, an denen das Meer mit so großer Gewalt auf die Küste trifft wie auf Sylt." So beschreibt Küstenschützer Arfst Hinrichsen den Ernst der Lage. Aber er gibt auch Entwarnung: 2016/17 war der Winter eher normal, neue Sandaufspülungen sind derzeit nicht nötig.

von PETER LAMPRECHT

So tobt die See auf Sylt an stürmischen Tagen // Foto © Sylt Marketing

Alle Jahre wieder – schon seit den 1970er Jahren ist die Geschichte vom Schwinden der Hörnumer Odde auf Sylt ein Dauerbrenner. Damals, nach umfänglichen Befestigungsmaßnahmen zu­gunsten der Ortslage Hörnum, war die zwei Kilometer lange Dünen- und Heidelandschaft an der Südspitze der Insel noch so groß wie 151 Fußballfelder. Aktuell unterschreitet sie gerade das Maß von 30 solcher Sportplätze. An diesem Ort nagt die Nordsee wie nirgends sonst: 2013 räumte das Meer mit Unterstützung des Orkans „Xaver“ bis zu 60 Meter Sandlandschaft ab, anschließend gingen bis heute weitere 150 Meter verloren. Inzwischen werden die tiefer liegenden Dünentäler bei Sturmfluten überspült.

Küstenschutz bleibt also erkennbar eine Daueraufgabe auf der Insel, die wie ein Wellenbrecher vor dem schleswig-holsteinischen Festland liegt. Der erste Mann für die küstenschutzfachliche Bewertung der aktuellen Situation auf Sylt heißt Arfst Hinrichsen. Er ist Geowissenschaftler im Landesbetrieb für Küstenschutz in Husum. Seine Bilanz der aktuellen winterlichen Luft- und Wasserbewegungen klingt allerdings eher beruhigend, nach den teils dramatischen Ereignissen der Vorjahre. „Insgesamt zeichnet sich für das Winterhalbjahr 2016/2017 bislang ab, dass die Sandverluste nicht über das normale Maß hinausgehen“, stellt Hinrichsen fest.
 
TIEF „BARBARA“ OHNE MASSIVE FOLGEN

Allein das Tief „Barbara“ am 27. Dezember habe mit seiner Sturmflut am Pegel List signifikante Wasserstände bis um acht Meter über eine Dauer von mehr als fünf Stunden mit sich gebracht – „sowohl von der Dauer als auch von der Höhe her treten solche Sturmfluten alle drei bis fünf Jahre auf.“ Küstenschützer Hinrichsen bilanziert deshalb, es seien diesmal „keine zusätzlichen Sandmengen vorzusehen“. Oder in der Übersetzung für Landratten: zusätzliche Sandaufspülungen sind nicht geplant – eine milde Form der Entwarnung.
Arfst Hinrichsen erläutert für „MyiLands“, was sich rund um die Insel alljährlich abspielt und wie sein Landesbetrieb Hand in Hand mit den Syltern damit umgeht.: „Es gibt nur wenige Stellen an der deutschen Nordseeküste, an denen das Meer mit so großer Gewalt auf die Küste trifft wie auf Sylt. Wäre diese Energie nutzbar, so würde ein Strandabschnitt von einem Meter rechnerisch ausreichen, um den Energiebedarf von mehreren Haushalten zu decken. Die vorherrschenden Westwinde und die dadurch hervorgerufene Brandung des Meeres tragen jährlich einen bis vier Meter von der Westseite der Insel ab und verlagern den Sand parallel zu Küste nach Norden oder Süden. Die Insel verliert dadurch jedes Jahr rund eine Million Kubikmeter Sand. Diese Menge wird durch die Sandaufspülungen ausgeglichen. Eine Maßnahme, die sich neben allen Sylt-Gefühlen auch rechnet: Allein die auf Sylt erzielten Steuereinnahmen sind zigfach höher als die Kosten der Sandaufspülungen.“

DAS MEER HILFT MIT

Bei dieser Form der Land-Rückgewinnung hilft das Meer mit seinen Bewegungen mit. Der Sand wird vor der Küste ins Meer gespült, und das Wasser verteilt die Sandmengen auf natürlichem Wege. Arfst Hinrichsen über die Ergebnisse: „Vor Westerland kehrte damit der Sandstrand zurück, der die Strandmauer vor einer weiteren Zerstörung sicherte. Durch die seit 1984 regelmäßig durchgeführten Sandaufspülungen wurden keine weiteren festen Küstenschutzbauten notwendig, eine Verfelsung der Insel wurde vermieden.
Zudem können sich die Strände aufgrund des ausreichenden Sandangebotes teilweise wieder von selbst aufbauen.“ Sandstrände, die den Gästen das perfekte sommerliche Urlaubsfeeling ermöglichen, gelten den Küstenschützern zugleich als „Energieumwandlungszonen bei Sturmfluten“.

SAND NÜTZT DEM WATT

Sogar für den Erhalt des Wattenmeeres, an dieser Stelle also des „Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer“, gelten die Sandaufspülungen als hilfreich. Arfst Hinrichsen erläutert: „Infolge des Klimawandels wird der Meeresspiegel vermutlich schon zum Ende dieses Jahrhunderts stärker steigen als das Wattenmeer durch natürliche Sedimentation mitwachsen kann. Das Wattenmeer könnte dabei ‚ertrinken‘. Das Einbringen von Sand in das hochdynamische System des Wattenmeeres wird von Fachleuten als Möglichkeit gesehen, diese Entwicklung abzumildern.“

Und wie steht es nach Ansicht des Küstenschützers um das Verständnis der Sylter und ihrer Gäste für die Notwendigkeiten des Küstenschutzes? Arfst Hinrichsen: „Sandaufspülungen und andere Küstenschutzmaßnahmen finden auf Sylt große Akzeptanz bei Einheimischen und Gästen. Jeder sieht, dass sie für den Erhalt der Insel unverzichtbar sind.“
Zwar hielten einige es für fragwürdig, dass die Südspitze der Insel mit der Hörnum-Odde nicht mit großen Aufwand vor jedem Abbruch geschützt werde. Aber Priorität habe der Erhalt der Siedlungen und des gesamten ökologischen Systems. Hinrichsen: „Wir können die Sylter meist überzeugen, dass eine natürliche Küstenentwicklung nicht nur den gesetzlichen Vorgaben entspricht, sondern auch gut zur Insel passt. Die Sylter und ihre Gäste haben generell ein hohes Bewusstsein vom Wert ihrer Natur.“

Spendenkonto der Stiftung Küstenschutz Sylt
Sylter Bank
IBAN:  DE46 2179 1805 0000 3663 66
BIC:    GENODEF1SYL

Küstenschützer Arfst Hinrichsen unterwegs in den Dünen von Hörnum // Foto © Hanna Nissen
Mit schweren "Raupen" wird aufgespülter Sand am Strand verteilt // Foto © Schwarzbach / LKN.SH

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