HOTEL-GESCHICHTEN

Das Strandhörn – einst Haus Erika, wo Thomas Mann der Sinn nach Grog stand

von DAGMAR HAAS-PILWAT

Emil Nolde und Hermann Hesse, Marlene Dietrich und Stefan Zweig: Schon in den 20er-Jahren übte die Insel Sylt auf Maler, Schriftsteller, Schauspieler und andere Prominente eine magische Anziehungskraft aus. Tanzdiva Gret Palucca tanzte nackt in den Dünen der Insel und Thomas Mann notierte 1928 im Gästebuch der legendären Künstlerpension „Kliffende“ in Kampen: „An diesem erschütternden Meere habe ich tief gelebt.“

Als Thomas Mann 1921 zum ersten Mal nach Sylt reiste, war der Hindenburgdamm noch nicht erbaut. Doch wie Sina Beerwald im Buch „111 Orte auf Sylt, die Geschichte erzählen“ (Emons-Verlag) schreibt, „hat dem Schriftsteller die strapaziöse Anreise von München nach Sylt offenbar nicht zugesetzt, denn er verbringt in den kommenden sieben Jahren noch drei längere Urlaube auf der Insel und verarbeitet seine Erlebnisse im 1924 erschienen ,Zauberberg’.“

Seine Liebe zu Sylt erklärt der Tagebuchschreiber am 17. September 1921 stichwortartig: „Erster Anblick der Nordsee von der Höhe der Treppe zum Strand, Hübsche Zimmer im Hause Erika gleich hinter der Düne. Achttägiger Aufenthalt auf der Insel Baden vom Strandkorb in der gewaltigen Brandung. Begeisterung durch das Meer. Der große, weiche Wind. Das Raubtiermäßige der Wellen. Die herrlichen Schaumteppiche. Besuche in Westerland, in List, wo wir die abenteuerliche Wanderdüne bestiegen. Seltsamer Eindruck.“

Neun Jahre zuvor war das Urlaubsdomizil des späteren Nobelpreisträgers Thomas Mann von den Gebrüdern Holst, Inhaber eines Baugeschäfts, erbaut und – inspiriert durch den Blick auf die freie Heidelandschaft – als „Villa Erika" benannt worden. Bereits zwei Jahre später wurde das Haus von Juliane Nissen gekauft, die aus dem nahen Rodenäs stammte und sich in Wenningstedt eine neue Existenz aufbaute. Sie warb für ihr Logierhaus mit „hohen, luftigen Zimmern und vorzüglichen Betten“.

1975 fand die „Villa Erika“ neue Besitzer: Jörg und Ursula Lässig. Das junge Paar musste eine stattliche Summe berappen - zumal das marode Gebäude neben dem Kaufpreis auch noch hohe Sanierungskosten verschlang. Aus zuvor 30 Zimmern wurden zwölf, die als erste im Dorf mit eigener Dusche und WC ausgestattet waren.

Mit Sohn Dirk Lässig als Nachfolger Chefkoch und Gastgeber  ziehen in den 1990-er Jahren stilvolle Eleganz und ein Michelin-Stern in das zwischenzeitlich in „Strandhörn“ umbenannte Traditionshaus ein, das durch zwei weitere Häuser ergänzt wurde. Erhalten geblieben ist auf jeden Fall das Gästebuch, in das sich Thomas Mann verewigte. Während seine Frau Katia Mann „durch den empfindlichen Wind ... etwas am Ohre leidet“, hat der weltberühmte Schriftsteller Sylt ganz anders in Erinnerung: „Die Reize der Insel sind keusch und karg und lenken den Sinn auf Grog.“

www.strandhoern.de

Das familiengeführte Hotel Strandhörn in Wennigstedt-Braderup. // Foto © Strandhörn
Das Haus Erika von einst und das Tagebuch von Thomas Mann. // Foto © Emons-Verlag
Genussreiche, regionale Küche. // Foto © Strandhörn

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