Mallorca? Sylt?

von KATRIN-JULIA LAMPRECHT

Wer „reif für die Insel“ ist, denkt meistens an schneeweiße Strände, Palmen und türkisblaues Meer, vor allem aber an den weiten Horizont. Auch an Ruhe, Abgeschiedenheit, fernab des hektischen Trubels auf dem Festland.

Foto © myilands

Unsere Sehnsüchte gehen immer wieder in Richtung einsamer oder wunderschöner Fleckchen Erde mit rauen, idyllischen oder bestenfalls sogar unberührten Naturland­schaften. Schon von jeher war die Insel ein Ort für Träumereien und ungebundene Gedanken, ein Ort der Freiheit von allen Pflichten, gesellschaftlichen Zwängen und Einschränkungen. Hier mag der Grund liegen, warum der Roman „Robinson Crusoe“
von Daniel Defoe nach seinem Erscheinen im Jahr 1719 ein Riesenerfolg wurde. Es geht hier um den Versuch, als Solist das Wilde und Urwüchsige der Natur zu bändigen.

Heute allerdings ist die Welt in allen Winkeln ausgeleuchtet. Über Google Maps können wir Destinationen in Augenschein nehmen, Hotels begutachten und jedes einzelne Sandkorn inspizieren. Wir können Erfahrungsberichte und Bewertungen studieren - und sogar die künftige Unterkunft und ihre Umgebung in 3D-Ansicht über den häuslichen PC oder das Smartphone auskundschaften. Trotzdem ergreift uns nach wie vor die Sehnsucht nach den Eilanden. Inseln sind ein Fluchtpunkt der Freiheit. Den inneren Bezug von Mensch und Insel, von Insel und Mensch spitzte der Schriftsteller Siegfried Lenz mit diesen Worten zu: „Im Grunde ist jeder von uns seine eigene Insel.“

In unserer reizüberfluteten Zeit, die von der Digitalisierung und der damit einhergehenden ständigen Erreichbarkeit geprägt ist, gewinnt die Sehnsucht nach Inseln sogar zunehmend  an Bedeutung – nicht nur draußen auf dem Meer, sondern auch drinnen, tief in uns selbst. So kann zum Beispiel eine Beschäftigung, die man mit großer Liebe und Leidenschaft ausübt, bildlich zu einer Insel werden, für die man alles andere zurücklässt.

Inseln kann man auch kaufen
Wem diese ganz eigenen „Ruheinseln“ des Alltags nicht genügen, der kauft sich einfach eine eigene Insel. Das liegt nämlich scheinbar im Trend. Immer mehr Prominente investieren in ihr eigenes Eiland – Mel Gibson hat es getan, Johnny Depp hat es getan, Tony Curtis, Diana Ross, David Copperfield, Leonardo DiCaprio haben es getan. Auch Fernsehmoderator Jörg Pilawa ist unter die Inselbesitzer gegangen.
Wer etwas auf sich hält, aber nicht gleich eine ganze Insel kaufen will, der legt sich zumindest ein eigenes Domizil auf einer Insel zu. Die Baleareninsel Mallorca, die Jahr für Jahr rund vier Millionen deutsche Urlauber anlockt und wegen ihrer Popularität bei unseren erholungsuchenden Landsleuten als „17. deutsches Bundesland“ bezeichnet wird,  ist dabei hoch im Kurs. Dieter Bohlen, Til Schweiger und Helene Fischer, Herbert Grönemeyer, Claudia Schiffer, Christine Neubauer sind nur einige der vielen prominenten Teilzeit-Insulaner, die sich auf Mallorca eine Immobilie zugelegt haben.
„Es ist wie nach Hause kommen“, sagt Ex-BVB-Coach Jürgen Klopp über die Urlaube auf „seiner“ Insel. In Kampen auf Sylt hat er ein Reetdachhaus in zweiter Reihe gekauft. Weitere gute Namen aus der Fußballwelt residieren gleich nebenan.

Als der Jetset Sylt entdeckte
Das einst legendäre „süße Leben“ auf der Nordseeinsel nahm mit dem als „Playboy“ durch die Gazetten geisternden Kunstliebhaber und Unternehmenserben Gunter Sachs seinen Anfang. Auf einmal war Sylt Schauplatz rauschender Partys, die viele Bedeutende, Schöne und Reiche auf die Insel lockten. Persönlichkeiten wie der Verleger Axel Springer, die Schauspieler Heinz Rühmann oder Curd Jürgens, Krupp-Herr Berthold Beitz und die WDR-Institution Werner Höfer erhöhten den Prominenten-Faktor vor Ort. Der Jetset traf und trifft sich immer wieder an der Nordsee, Sylt hieß in diesen Kreisen nur noch „die Insel“. Und wird auch heute gern so bezeichnet.

„Die Insel“: Für den einen ist es Sylt, für den anderen Mallorca. Eines haben diese beiden und alle anderen Inseln gemein: Raus aus dem Alltag, rauf auf die Insel, Fremdes entdecken, aber auch Vertrautes vorfinden, das scheint ein besonders beliebtes, weil erprobtes Lebensrezept zu sein.

Urlauber aus NRW immer vorn
Die Menschen im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen stehen auch bei dieser Bewegung erkennbar an der Spitze: Etwa jeder vierte Sylt-Gast reist aus NRW an, und viele von ihnen sind zugleich zeitweise Sylt-Residenten. Damit ist NRW Marktführer für den Sylt-Tourismus unter den Bundesländern. Ähnlich die Lage auf der Hauptinsel der Balearen. Dort misst man die Länder-Herkunft der Deutschen an den Startplätzen der Ferienflieger. Mehr als jeder vierte Mallorca-Urlauber kommt aus dem Land zwischen Rhein und Weser.

Die derzeit in Turbulenzen geratene Fluglinie Air Berlin hat sich um den Insel-Tourismus „ex NRW“ besonders verdient gemacht – und setzt auch künftig auf das Drehkreuz Düsseldorf. Nur diese Gesellschaft flog bisher regelmäßig im Sommer wie im Winter sowohl Sylt als auch Mallorca von NRW aus an. 2015 brachten ihre Maschinen rund 1,5 Millionen Menschen aus NRW nach Mallorca und zurück – und rund 70.000 nach Sylt. Übrigens buchten zudem 500 Sylter einen Flug mit Zwischenstopp Düsseldorf nach Palma - und 300 buchten den Rückflug. Ob der Rest auf der Baleareninsel geblieben ist oder andere Rückwege gesucht hat, ist nicht zu ermitteln.

Von NRW aus starten nach Mallorca auch Condor, Germania und TUI-Fly, Ryanair und Easyjet. Air Berlin, der bisherige Mallorca-Marktführer, hat für den Winter über 800 Flüge von NRW aus zur Balearen-Metropole auf dem Plan, davon die meisten ab Düsseldorf. Auch Sylt wird über den gesamten Winter täglich einmal von Düsseldorf aus angeflogen. Im Frühjahr/Sommer wird die wöchentliche Frequenz auf insgesamt 11 Starts nach Westerland erhöht. Mallorca „ex NRW“ soll es sogar um die 130 Mal geben.

Die Düsseldorfer Eurowings aus dem Lufthansa-Konzern hat bisher die Baleareninsel von Köln/Bonn und Düsseldorf aus im Visier, ab Frühjahr gibt es von Köln auch dreimal pro Woche eine neue Sylt-Verbindung. Erstmals richtet Eurowings zudem eine eigene Station in Palma ein, zwei Maschinen werden dort stationiert und verstärken die Verbindungen nach Deutschland weiter. Gesichert ist also, dass Mallorca und Sylt auch künftig als Top-Ziele im NRW-Geschäft bleiben werden.

Dass unter diesen Bedingungen einmal wirklich „Ruhe“ einkehren könnte, gilt den meisten Insulanern sowohl auf Mallorca, als auch auf Sylt inzwischen als Illusion. Momente der Einkehr allerdings werden noch immer in jedem Herbst und Winter erlebt. Und gerade für diese Zeit bieten die Inseln stimmungsvolle Veranstaltungen und Möglichkeiten. Die Mallorquiner werden in dieser Zeit verschnaufen nach dem größten Ferienansturm, den sie je erleben durften. Und die Sylter atmen irgendwann Ende November oder Anfang Dezember auch einmal durch, ehe die nächste „Welle“ zu Weihnachten und Sylvester per Schiene oder durch die Luft herannaht. Dass ihre Inseln irgendwann Mauern gegen Touristen errichten würden, glaubt niemand auf den Lieblingsinseln wirklich. Auch, wenn mancher im grauen, wolkenverhangenen und manchmal stürmischen Herbst und Winter davon träumen mag, irgendwann noch einmal als richtig einsamer Insulaner leben zu dürfen …

Leuchturm in Kampen FOTO @picture alliance/Shotshop
Blaue Stunde in Ses Covetes/Es Trenc / Foto © Wulf Sager

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