In Sóller ist es ein bisschen wie in Venedig: Morgens früh um 7 ist hier wie dort die Welt noch in Ordnung. Und abends, wenn Tausende von Tagestouristen über alle Berge verschwunden sind, dann gehört die Placa Constitució wieder den „Sollerics“.

von DAGMAR HAAS-PILWAT

Die fast kreisrunde Bucht von Port Sóller // Foto © fincallorca

Je nach Uhrzeit treffen sie sich auf einen Cortado (ein Espresso mit wenig heißer, aufgeschäumter Milch) oder auf einen Apéro in den zahlreichen Bars und Cafés, die den Hauptplatz, das pulsierende Herz von Sóller, säumen.

„Was gibt es Schöneres, als sich treiben zu lassen und entspannt das Geschehen rund rum zu beobachten“, sagt Franz Kraus. Bei ihm war es Liebe auf den ersten Blick, als der Lebensmittelexperte vor 30 Jahren zum ersten Mal in jenes Städtchen kam, das gleich einem Schneewittchendorf hinter dem Pass des Tamuntana Gebirges liegt. Der Rheinländer aus Neuwied ist geblieben, hat hier sein privates und sein berufliches Glück gefunden. Er ist nicht der einzige, darunter sind auch viele Künstler, die das Tal der Orangen nicht mehr verlassen haben. 100 Nationen leben in dem gerade einmal 14.000 Einwohner zählenden Ort.

„Es gibt keinen internationaleren Platz auf Mallorca als Sóller , es ist der europäischste Ort Europas und gleichzeitig ein wunderbares Dorf“, sagt Kraus. Dabei war der Kontakt mit der Welt bis vor 100 Jahren nur äußerst  beschränkt möglich und zwar auf dem Rücken von Eseln mühsam über den Coll de Sóller.
Erst Anfang des 19. Jahrhunderts mit dem Bau der ersten Eisenbahn gelang es, das steile Bergmassiv zu überwinden. Während dieser Epoche erlebte Sóller eine wirtschaftliche Hochkonjunktur - dank des florierenden Textilgewerbes (von dem heute nur Reste zeugen) und der reich gewordenen Spanier, die aus Übersee zurückkehrten. Sie waren es auch, die die prächtigen Bauten im Stil des Modernismus errichten ließen, die bis heute das Stadtbild prägen. Wer durch die Gassen schlendert, erlebt sie die staatlichen, alten Häuser, ihre hübschen Balkone, die handgeschmiedeten Geländer und Gitter, die Tore und Türen, die blumengeschmückten Innenhöfe.

Wohlhabend wurde die Gegend im Nordwesten Mallorcas doch vor allem durch die reichlich vorhandenen Orangen- und Zitronenhaine. Sóller duftet und schmeckt nach Orangen, denn es bietet die besten Voraussetzungen für den Anbau dieser Frucht: nicht zu hoch über dem Meeresspiegel gelegen, geschützt vor den kalten Nordwinden und Frost – eine ideale Temperatur.

Der Anbau von Zitrusfrüchten ist der Motor der örtlichen Wirtschaft – und erst recht, seitdem Franz Kraus vor 20 Jahr das Unternehmen „Fet a Sóller“ (Gemacht in Soller), eine Vertriebskooperation, die Orangen, Zitronen, Mandeln und Oliven aus dem Tal in kleinen ortsansässigen Manufakturen veredel, gegründet hat. Inzwischen exportiert er pro Jahr mehr als 1000 Tonnen Zitrusfrüchte – alle naturbelassen, direkt vom Bauern, mit der Hand geerntet. Aufgrund dieser Menge wird nach konventioneller Methode auf gemieteten Äckern selbst angebaut, um die Qualität kontrollieren zu können.
Weil zunehmend Trittbrettfahrer behaupten, ihre Früchte kommen aus Sóller, hat sich mit Franz Kraus an der Spitze eine Art Orangen-Allianz gegründet, die erreichen will, dass in Zukunft nicht nur Wein oder Olivenöl von Mallorca mit einer eigenen Herkunftsbezeichnung daherkommen, sondern auch für die nur im Tal von Sóller vorkommende Orangensorte canoneta.

Die „Sollerics“ haben es schon immer verstanden, selbstbewusst ihre Traditionen zu wahren und zugleich kreativ die Gemeinde voranzutreiben. So wie damals beim Bau der Eisenbahn, als die Obstbauern eine Gesellschaft gründeten, Aktien an die Bürger verkauften und von dem Geld das kostspielige Projekt finanzierten. Am 16. April 1912 startete der „Rote Blitz“, wie der Zug wegen seiner geringen Geschwindigkeit ironischerweise genannt wird, zu seiner Jungfernfahrt von der Orangenmetropole in die Hauptstadt Palma. Am Straßen­rand winkten vor laut Glück weinende Zuschauer.

Neben ihrer Funktion als Transportmittel dient die Schmalspurbahn heute in erster Linie als touristische Attraktion. Rund eine Million Besucher jährlich steigen in die romantischen Waggons und genießen die mehr als einstündige Fahrt durch dreizehn Tunnels mit zum Teil wunderschönem Panoramablick.
Samstags ist Markt in Sóller, und Käufer sowie Händler bringen den Platz zum Brummen. Die Stadt ist nicht gerade als bemerkenswerte Einkaufshochburg bekannt, aber es gibt einige Juwelen, wie Couture 13 auf der Plaza, wo Designermode, lokale Kunst und Deko verkauft wird – darunter von Hand bemalte Möbel. Natürlich muss man in flüssiger Form den Reichtum des Tals kosten: frisch gepressten Orangensaft und den Likör Angel d’Or, der von dem einheimischen Zitrusfruchtbauern Miguel Capó erfunden wurde. Sóller ist berühmt für köstliche Eiscreme. In den Geschäften Fet a Sóller, Ca’n Matarino und La Luna lockt einen Riesenvorrat an lokalen Erzeugnissen, darunter reines Olivenöl „extra vergine“, vor Ort hergestellter Orangen-Balsamico-Essig, Chutneys, Marmeladen, Eingemachtes, Pâtés und Wurstwaren.

Die meisten Tagesausflügler fahren im Anschluss an die Stadtbesichtigung von Sóller nach Port Sóller. Die fünf Kilometer lange Fahrt mit der Tram startet am Bahnhofsvorplatz im Schneckentempo direkt durch die Innenstadt vorbei an den Cafés und Restaurants durch die Zitronenhaine direkt bis in die Hafenmole. Der Hafenort schmiegt sich wunderschön entlang einer fast kreisrunden Bucht, an allen Seiten von Bergen geschützt. Hunderte kleine Boote dümpeln an den Stegen.

Wer übrigens lieber zu Fuß unterwegs ist, kann direkt von Andratx aus 120 Kilometer weit bis nach Pollenca wandern. Und mitten auf der Strecke erreicht er Sóller.  „Ein perfekter Ort, um Halt zu machen, zu sich selbst zu finden“, sagt Franz Kraus. Und natürlich um die Bar-Kultur der Mallorquiner zu erleben, das heißt in einer der vielen Bars rund um die Plaza morgens einen heißen Cortado trinken und vor dem Sonnenuntergang einen Apéro.

Saftig und lecker // Foto © picture alliance / Arco Images GmbH
Hunderte kleine Boote dümpeln an den Stegen // Foto © picture alliance/DUMONT Bildarchiv
Der „Rote Blitz“ in voller Fahrt // Foto © BALEAR TOURISTIC

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