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VON NULL AUF HUNDERT IN WENIGEN TAGEN

MyiLands Interview:

VON NULL AUF HUNDERT IN WENIGEN TAGEN

Die Chefredakteure von zwei Insel-Medien bewerten in MyiLands die Ereignisse im zweiten Pandemie-Jahr und die Zukunftsperspektiven: AXEL LINK von Sylt 1 TV und DR. CIRO KRAUTHAUSEN von der Mallorca-Zeitung.

AXEL LINK Chef des Inselsenders Sylt1 TV

Axel Link, Chef des Inselsenders Sylt1 TV, zieht im Interview mit MyiLands eine erste Jahresbilanz. Der Wunsch nach neuen, nachhaltigeren Tourismuskonzepten sei in der Pandemie eher noch gestiegen – bei Einheimischen ebenso wie bei den Gästen.

von PETER LAMPRECHT

MYILANDS: Wie fassen Sie den Verlauf des Corona-Jahres 2021 auf Ihrer Insel zusammen – wieder eine Achterbahnfahrt?
AXEL LINK: Geschäftlich gesehen war es ja keine Achterbahnfahrt, sondern eher eine steile Bergfahrt. Am 1.Mai öffneten sich die Tore und von da an ging es von Null auf 100 in wenigen Tagen. Die Insel war und ist gefragt wie noch nie, auch im November gibt es nur noch wenige freie Betten. In Summe wird es für die überwiegende Zahl der Anbieter ein sehr gutes Jahr werden, für manche sogar ein Rekordjahr. Achterbahn war es eher vor dem 1.Mai. Da warteten ja alle auf eine politische Entscheidung ob ,wann und unter welchen Bedingungen es endlich losgehen kann. Und sicher gibt es auch einige Einheimische, die nicht vom Tourismusgeschäft abhängig sind, die die Ruhe vor dem Sturm sehr genossen haben und sich einen weniger stürmischen Andrang auf die Insel gewünscht hätten.
Das Auf- und Ab der gesamten Coronakrise haben wir übrigens in einer umfassenden Dokumentation „Corona auf Sylt“ in 30 Min. zusammengefasst. Ein wichtiges Zeitdokument, welches auch auf unserem Youtubekanal SYLT1 zu sehen ist.

Abstand halten in den Dünen – auf Sylt ist das kein Problem ©PIXABAY

Es kann nicht allein um Covid gehen – aber zur Bilanz gehört die Zahl der Erkrankten und natürlich auch diese Frage: waren mehrheitlich Gäste oder Einheimische betroffen?
In ganz Nordfriesland sind bisher rund 3.560 Menschen als COVID-19-Erkrankte gemeldet worden. 86 Personen sind an COVID-19 im Kreis verstorben (STAND: 1. NOV. 2021). Anfang Oktober war das Infektionsgeschehen auf Sylt fast zum Erliegen gekommen – am 1. November waren wir mit 68 Infizierten schon wieder Hotspot von Nordfriesland. Es bleibt also eine Achterbahnfahrt, wie in ganz Deutschland. Auch in der Hochsaison war Sylt durchaus ein „Hotspot“. Wir haben uns als Redaktion auch erlaubt, die Inzidenz für die Insel Sylt nach den Maßgaben des RKI zu errechnen. Da waren wir auch schon deutlich über 100. Die Inzidenz-Zahlen beziehen sich ja immer auf die jeweiligen Einwohner. Wieviele Gäste betroffen waren, wissen wir nicht, weil die ja an ihrem eigenen Wohnsitz gezählt wurden. Woher die Infektionen kamen und kommen, bleibt also Spekulation. Da die Inzidenzen aber auch schon kurz vor der Öffnung der Insel rasch angestiegen sind, bleibt auch die Vermutung, dass die tägliche Anreise von fast 5.000 Mitarbeitern in den rappelvollen Zügen der Marschbahn Teil der Ansteckungsdynamik gewesen sein könnte. Aber Gewissheit gibt es da keine.

Waren die Gäste also eher einsichtig, oder gab es signifikante Regelverstöße bestimmter Gruppen?
Die Gäste waren absolut einsichtig und haben das umfangreiche Testangebot auf der Insel auch stark in Anspruch genommen. Die Freude endlich Urlaub machen zu können war riesen­groß, sodass der Wehrmutstropfen „Corona-Test“ kaum ins Gewicht fiel, zumal wirklich ausreichend Testkapazität vorhanden war. Das wurde auf der Insel wirklich sehr gut gemanagt. Einzelne negative Ausreißer gibt es ja immer.

Im Frühjahr gab es Schlagzeilen über hohe Infektionszahlen und über Gastronomen, denen Verstöße gegen Hygieneregeln vorgeworfen wurden. Was ist eigentlich davon übriggeblieben?
Es hat einzelne temporäre Lokalschließungen gegeben und es wurden vom Kreis auch etliche Bußgelder verhängt. Der Höhepunkt wurde in der ersten Öffnungsphase erreicht. Der Kreis hat an zwei Wochenenden Stichproben gemacht und immerhin 19 Lokale verwarnt. Aufgefallen sind dabei auch unsere Vorzeigegastronomen Gosch und Seckler (Sansibar). Die Bußgeldverfahren laufen teilweise noch. Strafen von bis zu 25.000€ waren angedroht. Was wirklich daraus geworden ist, haben wir nicht mehr verfolgt. Im Ergebnis haben sich danach aber die Restaurants überwiegend und erkennbar an die Vorgaben gehalten. Einige Restaurants haben es auch sehr genau genommen. So hat Beach House Chef Jan Scharfe im August entschieden, Gäste nur noch mit einem tagesaktuellen Test in sein Restaurant zu lassen. Das galt auch für Geimpfte und Genesene.

Inselbewohner neigten noch im Frühjahr aus Vorsicht zur Abschottung. Wie viele Übernachtungen sind schließlich zustande gekommen, wie sieht der Saisonvergleich gegenüber 2020 aus?
Die offiziellen Zahlen für 2021 liegen ja noch nicht vor. Erkennbar ist aber, dass die Saison 2021 wieder eine gute war und deutlich besser als die Corona-Saison 2020, in der das Minus der Übernachtungszahlen gegenüber 2019 mit minus zehn Prozent ebenfalls noch moderat war. Der späte Start in die Saison 2021 wurde durch die hohen Buchungszahlen bis in den November längst wett gemacht. Wenn es über Weihnachten keinen Lockdown gibt, wird es ein starkes Jahr für die Tourismusbranche.

Leerstand soweit das Auge reicht: Sylter Strandkörbe im Lockdown ©PIXABAY

Auf Sylt gab es vor der Pandemie eine starke politische Strömung, die auf Eindämmung beim Wachstum der Touristenströme ­drängte. Mehr Qualität, weniger Quantität sollten durchgesetzt werden. Hat sich daran eigentlich etwas verändert, seit 2021 die wirtschaftlichen und sozialen Schäden der Pandemie endgültig sichtbar wurden?
Nein daran hat sich nichts geändert. Ganz im Gegenteil. Durch die Ruhe in der Lockdownzeit ist vielen Insulanern erst richtig bewusst geworden, wie schön ihre Insel tatsächlich ist. Der Ruf, diese Einzigartigkeit und Schönheit zu bewahren, ist lauter denn je. Sichtbares und hörbares Zeichen war die Gründung des Bürgernetzwerkes „Merret reicht`s“ im März 2020. Ziel der Bewegung ist es unter Anderem, sich für nachhaltigen Tourismus einzusetzen, für mehr Bürgerbeteiligung zu werben, Verkehrskonzepte zu entwickeln und sich gegen den Ausverkauf der Insel zu stemmen. Von den Gemeinden und Tourismusverbänden unter der Führung der SMG ist 2020 auch ein Zukunftsforum mit einer großen Bürgerbefragung angestoßen worden. Demnach sind nur 36 Prozent der Sylter wirtschaftlich vom Tourismus unabhängig. Umgekehrt stecken zwei Drittel aller Bürger in einem Dilemma. Einerseits sehen Sie die erhaltenswerte Natur, andererseits die Notwendigkeit des Tourismusgeschäftes. Ein logischer Ausweg kann ja nur mehr Qualität statt Quantität und nachhaltiger Tourismus sein. So bietet die Sylt Marketing Gesellschaft beispielsweise eine Zertifizierung für Ferienimmobilien an. Ziel ist es eben, das ökologisch sinnvolle zu fördern um ökonomisch erfolgreich zu bleiben. Immer mehr Anbieter springen auf diesen Zug, auch weil sie merken, dass die Ansprüche der Urlauber an nachhaltige Angebote eben auch immer weiter steigen.

Welche Trends zeichnen sich für Winter und Frühjahr ab – geht die Entwicklung hin zu „2G“, oder setzt sich auf Ihrer Insel das Prinzip „3G“ durch?
Ach, da sind wir ja flexibel. Vermutlich wird es die 3G-Lösung mit 2G-Option. Und ein flächendeckendes „4G“ (im Mobilfunk) wäre auch schön (-;

Welche inseltypischen Veranstaltungen zu Weihnachten und um die Jahreswende werden voraussichtlich stattfinden – und welche fallen nochmals der Winter-Welle zum Opfer?
Der Sylter Wintermarkt soll ab dem 10.Dezember in Westerland wieder stattfinden und auch für alle anderen Weihnachtsmärkte auf der ganzen Insel sieht es zur Zeit gut aus. Die meisten sind natürlich für die Adventswochenenden geplant. Ob es dann tatsächlich dazu kommt, weiß ja niemand. Da sind wir mit Vorhersagen sehr zurückhaltend geworden. An das traditionelle Weihnachtsbaden oder eine große Sylvestersause glaube ich noch nicht.

Wie schätzen Sie schließlich die Aussichten für 2022 ein?
Wir hoffen natürlich alle auf Normalität und wünschen uns ein uneingeschränktes Veranstaltungsjahr 2022. Insbesondere der ausgefallene Windsurf-Worldcup, immerhin die größte Surfveranstaltung der Welt, wurde in den beiden letzten Jahren schon schmerzlich vermisst. Die Planungen laufen überall auf Hochtouren und noch ist nichts definitiv abgesagt. Aber im Absagen haben wir jetzt auch schon Übung. Ich denke, nach Weihnachten sind wir schlauer. Unabhängig von Veranstaltungen wird Sylt als Urlaubsziel beliebt bleiben und der Trend vom „Urlaub im eigenen Land“ ist ja nach wie vor ungebrochen.

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