Insel-Tierärztin

IMMER ERREICHBAR

Sylt-Visite bei Stephanie Petersen aus der ARD-Serie über „Retter mit Herz“

von SIMONE STEINHARDT

Kalbende Kühe, herzkranke Hunde und ein Molch, der fast von der Röntgenplatte flutscht – der Alltag von Insel-Tierärztin Dr. Stephanie Petersen auf Sylt ist turbulent. Seit Mai und bis zu den Sommerferien konnte man der Veterinärin auch im Fernsehen bei der Arbeit zusehen: Stephanie Petersen ist eine von sieben Protagonisten der ARD Dokuserie „Die Tierärzte – Retter mit Herz“. MyiLands hat die quirlige Tierärztin einen Vormittag lang begleitet.

Ein schwarzer und ein brauner Labrador liegen im Wartezimmer der Tierarztpraxis, ein wuscheliger, kleiner Hund humpelt mit einem bunten Verband samt Frauchen nach draußen. Stephanie Petersen ist noch im OP. Sie muss einen Tumor bei einem herzkranken, 11 Jahre alten Mischling aus Rumänien entfernen. Die Tierarzthelferinnen wirbeln zwischen den einzelnen Behandlungszimmern hin und her und unterstützen Stephanie Petersen und deren Assistenz-Tierärztin: Ein ganz normaler Mittwoch-Vormittag in der Praxis auf „Gut Söl‘ring“ in Braderup auf Sylt. Stephanie Petersen kommt aus dem OP und verabschiedet den frisch operierten Vierbeiner samt Frauchen. „Heute ist ein ruhiger Vormittag“, konstatiert sie gelassen. Überhaupt scheint Gelassenheit der Schlüssel zum Erfolg in ihrer nunmehr 19-jährigen Zeit als Inseltierärztin mit eigener Praxis zu sein. Die Tage sind oft lang, hektisch und nicht planbar. Mittagspausen fallen aus, das Essen auch. „Das muss man als positiven Stress empfinden. Sonst kann man den Beruf nicht machen“, sagt die Veterinärin.

VON HESSEN NACH SYLT
Blond und blauäugig geht Stephanie Petersen glatt als waschechte Sylterin durch. Sie stammt aber ursprünglich aus dem Frankfurter Raum und ist, wie nicht wenige Insulaner, ursprünglich der Liebe wegen auf der Insel gestrandet. Der Tierarzt-Beruf stand auf ihrer Wunschliste schon immer ganz oben. „Ich habe mich schon als Kind mit dem Köfferchen in der Hand über die Wiese laufen und Tiere retten sehen“, erzählt sie lachend. Obwohl ihre Noten in der Schule, wie sie gerne zugibt, seinerzeit nicht für eine medizinische Laufbahn sprachen.

Nach dem Abitur flog Stephanie Petersen deshalb erst mal um die Welt: als Stewardess. „Aber täglich Fingernägel lackieren war nicht meins. Ich wollte etwas sinnvolles machen“. Stephanie Petersen studierte Tiermedizin in Leipzig. Das Pflichtpraktikum nach dem Studium absolvierte sie bei dem Sylter Tierarzt Dr. Wolfgang Häring. „Der hat mich ins kalte Wasser geschubst, was Großtiere angeht. Da habe ich viel gelernt.“ Nach Praktikumsende aber kehrte Stephanie Petersen zunächst nach Frankfurt zurück, bewarbt sich um einen Job am Chiemsee. Ein Anruf von Sylt kam dazwischen. Es war Wolfgang Häring. „Eine Kuh hatte ihm ins Gesicht getreten. Er brauchte dringend eine Vertretung für seine Praxis.“ Stephanie Petersen packte erneut die Koffer in Richtung Insel – dieses Mal, um zu bleiben. 2000 eröffnete sie ihre eigene Praxis

BRUTUS: RASTLOS AUF DER RÖNTGENPLATTE
19 Jahre ist das nun her – und immer noch ist jeder Tag, jede Stunde anders. Heute, kurz nach unserer Ankunft, öffnet sich wieder einmal die Tür und der nächste Patient streckt die neugierige Nase herein: ein schwarz-weiß gefleckter, vier Monate alter Rüde. „Das ist Brutus!“, sagen seine vierbeinigen Begleiterinnen, Mutter und Tochter, und schon hat Stephanie Petersen das Fellbündel zur Untersuchung auf dem Arm.

Anders als sein gewaltiger Name vermuten lässt, handelt es sich bei Brutus um einen eher kleingewachsenen Bolonka. Und weil er eben nicht der Größte ist, hat man ihn zuhause schlicht übersehen und ist ihm auf die Pfote getreten. Stephanie Petersen will sicher gehen, dass sich der Kleine nichts gebrochen hat und will den Junghund röntgen. Darauf hat Brutus gar keine Lust. Fiepend und empört bellend zappelt er auf der Röntgenplatte. Als das alles nichts nutzt, gräbt er seine kleinen Zähne kurzerhand in den Arm der Tierärztin. Die lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

MENSCHEN SIND OFT DIE SCHWIERIGEREN PATIENTEN
Ruhig und bestimmt bringt sie den kleinen Kerl zum Stillhalten und erläutert den beiden Frauchen kurz darauf das entstandene Röntgenbild. „Nichts gebrochen! Er hat eine kleine Fissur“ – und verordnet ein homöopathisches Medikament gegen die Schmerzen. Die Besitzer sind beruhigt. Auch das gehört zum Job. Typisch für einen Urlaubsort muss sich die Tierärztin ständig auf neue Charaktere und Tiere einstellen. Wobei die Tiere häufig einfacher zu handhaben sind als deren zweibeinige Begleiter. „Da ist schon Einfühlungsvermögen gefragt, wenn eine ganze Familie mit dem Hund kommt und dann weinend mit im OP steht.“ Diese Sensibilität müsse man sich in dem Beruf bewahren. „Du stehst einerseits im Regen und bei Sturm auf der Wiese und hilfst einer Kuh oder einem Pferd. Das ist ein handfester Beruf. Und dann musst Du ein aufgeregtes Frauchen oder Herrchen in der Praxis beruhigen.“

Stephanie Petersen bleibt auch bei nervösen und ängstlichen Tieren stets ruhig – das scheint sich automatisch auf deren Besitzer zu übertragen. Labrador Bine’s Frauchen ist zumindest sehr zufrieden. „Sie ist eine tolle Tierärztin“, findet sie. Bine humpelt, ganz plötzlich sei das gekommen, erzählt ihr Frauchen. Stephanie Petersen vermutet eine Entzündung und verpasst der beigefarbenen Hündin eine Spritze. Ein ganz normaler Fall – manchmal wird es aber auch kurios in der Praxis. Einmal muss die Tierärztin einen fast durchsichtigen Molch röntgen. „Der hatte seine Einstreu gefressen. Ich musste aufpassen, dass er mir nicht von der Röntgenplatte flutscht!“ Ein anderes Mal bringen ihr Besitzer einen viel zu mageren Labrador-Welpen. „Es stellte sich heraus, dass der Hund zwei Welpenhalsbänder gefressen hatte. Eins kam dann hinten, eins vorne raus. Ein Wunder! Heute ist das ein gesunder Hund.“

ARD FILMT DEN TIERARZT-ALLTAG
Dass unsere Reporterin der Tierärztin bei der Arbeit über die Schulter schaut, stört Stephanie Petersen überhaupt nicht – spätestens seit den Dreharbeiten für die ARD-Dokuserie „ Die Tierärzte – Retter mit Herz“ ist sie das gewohnt. Selbst bei einer OP ist die Kamera mit dabei. „Das Team hat das sehr einfühlsam gemacht. Wenn es hektisch wurde, haben sie sich zurückgezogen.“ Ihre authentische Darstellung des Tierarzt-Alltags kommt bei den Zuschauern gut an – sogar von Kollegen gibt es Fanpost: „Ein großes Kompliment für die optimale Darstellung des Tierarztberufs, soll heißen wie er auszuüben sein sollte! (….)“, schrieb ein Veterinär. (…) „Mir geht das Herz auf wenn ich sehe, mit was für einer Leidenschaft Sie und Ihr Team sich um die Vierbeiner kümmern! (…), so das Feedback einer Zuschauerin.

MITTAGSPAUSE FÄLLT AUS
Inzwischen ist es nach 12 Uhr – und die Praxis eigentlich geschlossen. Doch dann tappst eine besondere Patientin langsam in den Behandlungsraum: die 13-jährige Retriever-Hündin Luna. „Sie kam gestern in die Praxis, brach zusammen. Es stellte sich heraus, dass sie Blut im Bauchraum und einen Milztumor hat.“ Stephanie Petersen operiert die Hündin – und freut sich, dass die Patientin einen Tag später schon wieder eigenständig in die Praxis läuft. „Das sind die schönen Momente in dem Beruf. Wenn so ein alter Hund es schafft.“ Da dürfe man auch nicht zu schnell aufgeben, findet Stephanie Petersen. „Ich hatte einmal einen alten Zwergpinscher mit einer tiefen Bisswunde im Kopf in der Praxis. Da war die Frage, einschläfern oder operieren? Ich habe mich für die OP entschieden. Dem Hund geht es heute gut. Und sein ebenfalls recht altes Frauchen ist froh, dass sie ihren Hund noch hat.“

PRIVATE ZEIT IST KNAPP
So sehr die Insel-Tierärztin für ihren Beruf brennt – sie kennt auch die Schattenseiten des Berufs. „Du hast ständig das Handy dabei, bist immer erreichbar.“ Tagsüber fällt das Essen oft aus, manchmal reicht die Zeit aber für ein Zehn-Minuten-Nickerchen. „Zum Essen komme ich oft erst abends. Und dann gönne ich mir gerne mal einen schönen Eisbecher.“ Und abends könne es durchaus auch mal sein, dass man schon für’s Ausgehen gestylt ist und dann doch ein Anruf mit einem Notfall dazwischenkommt. „Da muss der Partner schon sehr tolerant und großzügig sein. Aber wenn wir feiern, dann richtig!“

Entspannen kann Stephanie Petersen nach der Praxis am besten in der Natur: auf dem Rad und mit ihren fünf Hunden im Schlepptau. Danach dreht sie gerne noch eine Runde durch den Pferdestall. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten züchtet sie Trakehner. „Den Stallgeruch in der Nase und das Geräusch der mümmelnden Pferde, das ist ein schöner Abschluss des Tages!“

PROGRAMMHINWEIS
Seit Samstag, den 31. August, wird in der ARD die erste Staffel „Die Tierärzte – Retter mit Herz“ nochmals ausgestrahlt. Die zweite Staffel soll voraussichtlich ab Ende Februar 2020 gezeigt werden.

Fotos © Simone Steinhardt